Popular Problems

Popular Problems

Show at The Tiger Room, Munich, January 23 – February 21, 2026.

(1) exhibition view
(2) exhibition view
(3) Tow lift shadow, 2024, ink on canvas; Pigeon, 2025, ink on paper maché; Run-D.M.C., 2024, ink on canvas
(4) Arm, 2025, ink on paper maché, wire
(5) Arm, 2025; Pigeons, 2025; each ink on paper maché, wire
(6) Jacket, 2026, ink on paper maché, wire
(7) Baseball, 2026, ink on paper maché, wire
(8) exhibition view
(9) Samuel Beckett, 2024, ink on canvas; Basketball, 2026, ink on paper maché, wire
(10) Necklace with lion head pendant, 2026, ink and acrylic on paper maché, wire; Chain necklace, 2026, ink and acrylic on paper maché; Necklace with cross pendant, 2026, ink and acrylic on paper maché, wire
(11) Necklace with lion head pendant, 2026, ink and acrylic on paper maché, wire
(12) Necklace with cross pendant, 2026, ink and acrylic on paper maché, wire
(13) Scarf, 2026, ink and acrylic on paper maché, wire
(14) exhibition view
(15) exhibition view

Veronika Günthers künstlerische Praxis ist tief in der Zeichnung verwurzelt. Sie entwickelt dabei wiederkehrende Motive, die sie intuitiv sammelt, verdichtet und kombiniert. So entstehen assoziative Bildräume, in denen private und politische Bilder mit Artefakten aus Literatur, Film und anderen Massenmedien verschmelzen. In ihrer ersten Einzelausstellung in der Galerie The Tiger Room präsentiert sie zudem Arbeiten, die ihren zeichnerischen Ansatz um skulpturale Elemente erweitern.

In den letzten Jahren hat Veronika Günther eine konsequente und serielle zeichnerische Praxis entwickelt und beibehalten. Schnell, ohne Vorzeichnung und ohne Korrektur entstehen so in hoher Frequenz, meist in Tusche, zahlreiche kleinformatige Arbeiten. Was auf den ersten Blick wie ein privates Notationssystem wirken mag, entpuppt sich als strukturiertes Bildarchiv. Über die Jahre ist so ein stetig wachsendes Repositorium an Motiven entstanden, das nicht hierarchisiert oder abgeschlossen ist. Figuren, Tiere, Gegenstände, Textfragmente und ikonische Bilder aus Popkultur, Literatur und Kunstgeschichte zirkulieren darin gleichberechtigt und bilden ein vielschichtiges Bildgedächtnis.

Die aktuelle Ausstellung präsentiert dieses Archiv nicht einfach, sondern übersetzt es in verschiedene Formen und Formate und platziert es im Raum. Arbeiten auf Papier und großformatige Bilder auf Leinwand stehen neben Objekten aus Pappmaché, die auf demselben Materialdenken basieren. Auch diese Arbeiten sind im Kern zeichnerisch, befinden sich aber in einem anderen Aggregatzustand. Günther kombiniert Hasendraht, Pulpe und geschichtetes Papier, wodurch die Oberflächen rau und porös bleiben. Formal bleibt auch bei diesen Skulpturen die Zeichnung der Ausgangspunkt; sie sind letztlich gezeichnete Objekte. Linien werden zu Volumina und Schraffuren zu Oberflächen mit einer eigenen körperlichen Präsenz. Der Herstellungsprozess bleibt sichtbar, Glätte oder eine perfekte Illusion sind nicht das Ziel. Die Objekte wirken fragil, verformt und bisweilen improvisiert.

Dieser Übergang ins Räumliche ist kein Bruch, sondern die logische Konsequenz eines künstlerischen Ansatzes, der sich schon länger mit Ausdehnung, Staffelung und körperlicher Präsenz auseinandersetzt. Mit ihren großformatigen Cut-Outs und hängenden Leinwand-Arbeiten erweitert Veronika Günther die Konzepte von Raum, von Vorder- und Hintergrund, von Überlagerung und Schichtung. Lebensgroße Tauben, ein übergroßer tätowierter Arm, Kleidungsstücke, Hüte, Sport- und Statusobjekte, diese Skulpturen aus Papier ergänzen die Arbeiten auf Papier zu einer in sich schlüssigen Präsentation.

Günthers Werke greifen auf kulturell aufgeladene Motive wie Baseballjacken, Goldketten, Hip-Hop-Kopfbedeckungen, Sportutensilien und Uniformfragmente zurück. Diese Objekte sind oft mit Formen performativer Männlichkeit im Sport, Militär, in der Pop- und Subkultur verbunden. Ihre Referenzen reichen vom bekannten Baseballspieler Willie Mays über die Musiker von Run-D.M.C. bis zum Autor James Baldwin. Hoch- und Popkultur, politische Geschichte und Alltagsästhetik stehen unkommentiert und ungewichtet nebeneinander. Diese unhierarchische Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Referenzen und Bezüge spiegelt Günthers biografisch gewachsene Bildökonomie wider, geprägt von erlernten Sehnsüchten nach amerikanischer Pop-Kultur, deren Musik, Filme und Literatur.

Beim Zeichnen und Modellieren aus Draht und Pappmaché unterlaufen diese Motive einen Deformierungsprozess. Günther greift sie auf, reduziert und verdichtet sie und setzt sie in einen neuen, verfremdenden Kontext. Perspektiven kippen, Anatomien verzerren sich, Textfragmente erscheinen wie abgebrochene Gedanken. Da die Motive als bekannte kulturelle Artefakte bereits konnotiert sind, bleibt es den Betrachter*innen überlassen, ihre eigenen Assoziationen und Projektionen zu den einzelnen Arbeiten und ihrer Gruppierung im Raum zu finden.

Günthers Praxis, die zwar analog erscheint, ist unverkennbar von unserer zunehmend digitalisierten Welt geprägt. Sie nutzt selbstverständlich digitale Infrastrukturen wie Smartphones, die Cloud und Online-Archive. Digitale Bildarchive, fotografische Vorlagen und Fundstücke, sowie das Denken in Ebenen, Fragmenten und Serialitäten fließen in ihre Arbeit ein, ohne explizit thematisiert zu werden. Veronika Günther nutzt ihre Zeichnungen wie einen analogen Spiegel, der Wirkkräfte der digitalen Bildwelten wiedergibt, verzerrt und hinterfragt.

Text: Quirin Brunnmeier; Photos: Veronika Günther